Die Blumenstadt Erfurt

Von Dr. Steffen Raßloff
 
Die Bundesgartenschau 2021 wird in einem der traditionsreichsten Zentren des deutschen Gartenbaus stattfinden, der Blumenstadt Erfurt. Für diesen klangvollen Beinamen sorgten auch große Ausstellungen von der „Ur-Buga“ 1865 bis zum heutigen egapark.
 
Aushängeschild der Blumenstadt Erfurt ist der egapark, Herzstück der Bundesgartenschau 2021. 1961 war das beliebte Garten- und Ausstellungsgelände im Südwesten der Stadt als „iga“, als „1. Internationale Gartenbauausstellung der sozialistischen Länder“ eröffnet worden. Die auf eine lange Tradition von Gartenbauausstellungen aufbauende iga spielte für den Ruf der Blumenstadt eine zentrale Rolle. Hier spiegelte sich von Anfang an auch die weit zurückreichende Geschichte als Waid- und Gartenbaustadt.
 
Diesem Thema nimmt sich insbesondere das ebenfalls seit 1961 in der Cyriaksburg beheimatete Deutsche Gartenbaumuseum an, das auf Fachwelt und interessierte Besucher eine große Anziehungskraft ausübt. Das Waidmühlrad vor dem Museumsgebäude verweist auf die Geschichte als Waidstadt. Im und um das Museum lassen sich, integriert in eine Rundumschau der weltweiten Gartenbaugeschichte, viele Facetten der Blumenstadt bis ins Mittelalter zurückverfolgen.

Waidstadt und Mittelaltermetropole

Der einst international verbreitete Beiname Blumenstadt stammt zwar aus dem späten 19. Jahrhundert, aber die Erfurter Geschichte ist seit langem eng mit Pflanzen und deren Verarbeitung verbunden. Im Mittelalter bildete das Blaufärbemittel Waid eine wichtige Grundlage für den Wohlstand der thüringischen Metropole. Vom 13. bis 16. Jahrhundert gehörte Erfurt wie das französische Toulouse zu den wichtigsten Waidstädten Europas. Sogar über den Niedergang des Waidhandels als frühes „Globalisierungsopfer“ durch die Einfuhr des Indigos hinaus erlebte es eine Spätblüte bis ins frühe 17. Jahrhundert.
 
Die Einnahmen aus dem Handel mit dem beliebten Färbemittel sorgten wesentlich mit dafür, dass die autonome Handelsstadt zu einer der mächtigsten und größten Mittelaltermetropolen des Reiches aufstieg. Bis heute lässt sich dies an der historischen Altstadt mit ihren Baudenkmalen wie dem eindrucksvollen Ensemble von Dom und Severikirche und der Krämerbrücke ablesen.
 
Allerdings beherrschte der Färberwaid die Wirtschaft keineswegs als Monokultur. Erfurt war neben seinem vielgestaltigen Handel und Handwerk auch Zentrum eines intensiv genutzten gartenbaulichen und landwirtschaftlichen Umfeldes. Nicht ohne Grund hat Student und Mönch Martin Luther, der sich mit dem Eintritt ins Erfurter Augustinerkloster 1505 auf den Weg zum Reformator machte, Erfurt als „Gärtner des Reiches“ bezeichnet. Sogar innerhalb der Stadtmauern gab es mit dem Brühl einen bis ins 19. Jahrhundert überwiegend gärtnerisch genutzten Stadtteil. Einer nahrhaften Hülsenfrucht verdanken die Erfurter auch ihren Spitznamen „Puffbohne“.
 
 

Waidmühlrad vor dem Deutschen Gartenbaumuseum (Foto: Alexander Raßloff)
v.l.: Denkmal für Christian Reichart an der Pförtchenbrücke (Foto: Alexander Raßloff); Stadtführer der Blumen-, Luther- und Domstadt Erfurt (1933) (Sammlung Raßloff); mehrsprachiger Katalog der Firma F.C.Heinemann von 1901 (Sammlung Raßloff)
Vom Aussichtsturm der Cyriaksburg im egapark bietet sich ein wunderbarer Blick über die Erfurter Altstadt mit Dom und Severikirche (Foto: Alexander Raßloff)
Altstadtblick vom Karl-Foerster Garten
Angerbrunnen mit der Göttin Flora (rechts) als Verkörperung der Blumenstadt Erfurt 
Denkmal „Aufbauhelfer“ vor dem Haupteingang des egaparks 
Das Große ornamentale Blumenbeet zählt zum denkmalgeschützten Bestand der iga´61 
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FAQ - häufig gestellte Fragen

Christian Reichart und der Erwerbsgartenbau

Im 18. Jahrhundert begann der Aufschwung des modernen Erwerbsgartenbaus. Die Erfurter Gärtner produzierten jetzt über den regionalen Bedarf hinaus und begannen sich auf bestimmte Produkte zu spezialisieren. Es kamen neue Methoden und Gerätschaften zur Anwendung, die von der beginnenden Gartenbau-Wissenschaft entwickelt wurden. Einer der Pioniere auf diesem Gebiet war der Erfurter Gartenbauunternehmer Christian Reichart (1685-1775).
 
Als Autor zahlreicher Publikationen und aufklärerischer Praktiker erwarb sich Reichart große Verdienste. Er machte nicht nur den aus Zypern stammenden Blumenkohl in unseren Breiten heimisch, sondern kultivierte im Dreienbrunnenfeld die bis heute als Erfurter Spezialität sehr beliebte Brunnenkresse. Jenes vitaminreiche Gemüse veranlasste sogar Kaiser Napoleon, Erfurter Gärtner zum Kresseanbau nach Versailles zu schicken. Darüber hinaus entwickelte Reichart innovative Gartengeräte, wie die Einradhacke und die Stachelwalze zum Auflockern des Bodens.
 
Christian Reichart galt mit seinen vielen Funktionen in Gesellschaft und Kommunalpolitik auch als Vorbild, dem man 1867 das erste Denkmal für einen Bürger der Stadt setzte. Einst am ihm zu Ehren benannten Reichartplatz (Karl-Marx-Platz) errichtet, steht es heute in der Grünanlage an der Pförtchenbrücke. Erfurt wurde dank Reichart und seiner immer zahlreicheren Gärtnerkollegen zu einem Zentrum des Gartenbaus in Deutschlands. Dies wusste auch der Dichterfürst Goethe im nahen Weimar zu schätzen. Der Gartenliebhaber und Mitgestalter des Ilmparks beschäftigte sich intensiv mit Reicharts Hauptwerk, dem sechsbändigen „Gartenschatz“ (1753).

Weltmetropole des Gartenbaus

Der Erfurter Erwerbsgartenbau erreichte im 19. und frühen 20. Jahrhundert seinen Höhepunkt. Die großen Gartenbaudynastien – Haage, Schmidt, Benary, Heinemann, Chrestensen – erlangten um 1900 Weltgeltung. Mit ihren innovativen Produkten waren sie rund um den Globus präsent und errangen in einzelnen Bereichen, wie etwa dem Samenhandel, eine Führungsstellung. Auf den großen Gartenbau- und Weltausstellungen wurden Erfurter Unternehmen mit zahlreichen Auszeichnungen gewürdigt.
 
In Erfurt selbst untermauerten aufwändige Gartenbauausstellungen seit den 1830er-Jahren den Ruf der Blumenstadt. Erster spektakulärer Höhepunkt war die „Allgemeine deutsche Ausstellung von Produkten des Land- und Gartenbaues“ mit internationaler Beteiligung 1865, die als eine Art „Ur-Buga“ gilt. Ihr folgten zahlreiche weit über Thüringen und Deutschland ausstrahlende Veranstaltungen.
 
Auch in der gesellschaftlichen Führungsschicht der Stadt spielten die Gartenbauunternehmer, organisiert im Gartenbauverein (1838), eine wichtige Rolle. Obwohl mit ca. 4 Prozent der Arbeiterschaft längst deutlich hinter den Industriezweigen Metall, Textil und Lebensmittel zurück liegend, war der Gartenbau dennoch ein profilprägender Wirtschaftszweig. Er hatte der Blumenstadt „einen weit über die Grenzen des deutschen Vaterlandes hinaus reichenden Ruf erworben“, so 1908 der Wirtschaftswissenschaftler Hans Haupt.

Imagefaktor Blumenstadt

Symbolträchtig brachte Erfurt 1890 sein tief verwurzeltes Selbstverständnis als Blumenstadt im Monumentalbrunnen am Anger zum Ausdruck, der die beiden ökonomischen Stützen des Gemeinwesens allegorisch darstellt. Neben einer männlichen Figur, die für Industrie und Handwerk steht, erinnert die Göttin Flora als Sinnbild des Gartenbaus an dessen große Blütezeit.
 
Die Geschäftshäuser der Gartenbauunternehmen, ihre ausgedehnten Betriebsgelände, Gewächshäuser und Blumenfelder prägten zudem das Stadtbild. Man muss sich Erfurt in dieser Zeit als Insel in einem „Meer von berauschend duftenden, in allen Farben leuchtenden Blüten: Rosen und Veilchen, Reseden, Levkojen und Tulpen, Balsamienen“ vorstellen, wie es der Berliner Reiseschriftsteller Karl Emil Franzos 1901 beschrieben hat. Der Gartenbau wurde zunehmend zum Imagefaktor im aufstrebenden Fremdenverkehr der „Blumen-, Luther- und Domstadt“.
 
Parallel trug die Entwicklung des Stadtgrüns ebenfalls nachhaltig zur Urbanität und zum Image Erfurts bei, das 1906 mit 100.000 Einwohnern den Status einer Großstadt erreichte. Auf dem Areal der ab 1873 beseitigten Stadtbefestigungen und im Erweiterungsgebiet der Industriestadt entstanden anspruchsvolle Grünanlagen und Parks. Herzstück dieses Grünzugs wurde der 1908 eingeweihte Stadtpark auf der Daberstedter Schanze mit seiner imposanten Treppenanlage zum Hauptbahnhof. In den 1920er-Jahren folgte der Nordpark als moderner Volkspark. Dieser wird für die Buga 2021 saniert und durch einen Landschaftspark entlang der Geraaue bis zum Vorort Gispersleben erweitert.
 
Zur Blumenstadt Erfurt gehört schließlich auch die ungebrochene Tradition der Gartenbaubildung bis hin zur heutigen Fakultät Landschaftsarchitektur, Gartenbau und Forst der Fachhochschule Erfurt, die aus der Ingenieurschule für Gartenbau „Christian Reichart“ hervor ging.

Cyriaksburg und iga´61

Selbst auf eine lange Geschichte zurückblicken kann der egapark. Seit der Entfestigung Erfurts und besonders seit den 1920er-Jahren war das Gelände um die einstige Zitadelle Cyriaksburg zur Grünanlage umgestalteten worden. Dort fand bereits 1950 die große Gartenschau „Erfurt blüht“ statt. Nach Empfehlungen des östlichen Wirtschaftsbündnisses RGW und der DDR-Regierung sollte Erfurt zum Zentrum für Gartenbauausstellungen werden. Auf Richtung Westen erweitertem Areal an der Cyriaksburg eröffnete am 28. April 1961 die „iga´61“. Sie war „Lehrschau“ und „Bildungszentrum des sozialistischen Gartenbaus“. Mit dem Gartenbaumuseum fand das entsprechende Leitmuseum dort seine Heimstatt.
 
Nach erfolgreichem Start wurde die iga als größte Veranstaltung ihrer Art im „Ostblock“ verstetigt. Zugleich war sie von Beginn an eine besondere Attraktion der DDR-Bezirksstadt. In der ersten Saison lockte sie 3,5 Mio. Besucher an. Für die Erfurter stellte die iga das beliebteste Freizeitareal dar, an dessen Errichtung sie im Rahmen des Nationalen Aufbauwerks (NAW) erheblichen Anteil hatten. Das Denkmal „Aufbauhelfer“ von Fritz Cremer vor dem Haupteingang erinnert an die 364.000 freiwilligen Arbeitsstunden. Vom Sonntagsausflug in Familie und „Ferienspielen“ über Café-Besuche am Südhang und Tanzabende in der „Glashalle“ bis hin zu den großen Veranstaltungen wie „Lichterfest“ und „Pressefest“ verknüpfen sich mit der iga zahllose Erinnerungen.

egapark und Buga 2021

Friedliche Revolution und deutsche Wiedervereinigung 1989/90 brachten für die iga einen tiefen Einschnitt. Anfang der 1990er-Jahre stand die Existenz der bisher vom DDR-Landwirtschaftsministerium getragenen Einrichtung gänzlich in Frage. 1994 kam es zur Dreiteilung des Geländes, auf dessen westlichen Teil das MDR-Landesfunkhaus Thüringen und die Messe Erfurt entstanden. Der verkleinerte egapark (ega = Erfurter Garten- und Ausstellungs GmbH) ging in die Verantwortung der Stadt über und wurde stärker auf den Freizeitbereich orientiert. Es kamen viele neue Angebote von Pflanzenschauhäusern und Japanischem Garten bis hin zum Kinderbauernhof hinzu. Zugleich besitzt der egapark nach wie vor als Präsentationsort und Partner große Bedeutung für die Gärtner in Thüringen und Deutschland.
 
Bei alledem hat sich der Charakter der iga´61 weitgehend erhalten. Sie zählt als eingetragenes Denkmal zu den „wenigen künstlerisch unumstrittenen und anspruchsvoll gestalteten Gartenanlagen“ der DDR. Auf ihren Schöpfer Reinhold Lingner geht das weitgehend erhaltene Ensemble von großem ornamentalem Blumenbeet und Ausstellungshallen, von Springbrunnen, Wasserachse und vielen weiteren charakteristischen Details zurück.
 
Dieses einzigartige Gartendenkmal wird bis zur Buga 2021, die auch die Zitadelle Petersberg in der Altstadt und die nördliche Geraaue nachhaltig aufwertet, aufwändig saniert und um neue Attraktionen wie das spektakuläre Danakil-Klimazonenhaus bereichert. Schon jetzt ist der egapark das beliebteste Tourismusziel in Thüringen. Zusammen mit dem Deutschen Gartenbaumuseum trägt er maßgeblich dazu bei, den Ruf der Blumenstadt immer wieder zu erneuern.
 
Einen Beitrag hierzu leisten in der aufstrebenden Landeshauptstadt Thüringens mit ihren 215.000 Einwohnern auch die Fachhochschule Erfurt, Forschungseinrichtungen wie die Lehr- und Versuchsanstalt Gartenbau, Traditionsunternehmen des Gartenbaus wie N.L. Chrestensen und Kakteen-Haage mit der ältesten Kakteenzucht weltweit, historische und neue Grünanlagen, Erfolge in Wettbewerben wie „Entente Florale Deutschland“ sowie ein ausgeprägtes Traditionsbewusstsein und Stadtmarketing.

Lesetipps:
Steffen Raßloff/Martin Baumann (Hg.): Blumenstadt Erfurt. Waid – Gartenbau – iga/egapark. Erfurt 2011.
Steffen Raßloff: Geschichte der Stadt Erfurt. Erfurt 2012 (5. Auflage 2019)