Von der Blumenstadt zur BUGA-Stadt: Erfurter Geschichten zur Bundesgartenschau

Die Festung in der Festung

Die große Defensionskaserne von 1831 war Kernstück der Erneuerung der Zitadelle Petersberg unter den Preußen.
 
Von Dr. Steffen Raßloff
 
Ein großes Modell im Stadtmuseum „Haus zum Stockfisch“ zeigt die Festung Erfurt mit der Zitadelle Petersberg vor der Entfestigung 1873. Auf dem Wiener Kongress 1815 war die von 1802 bis 1806 schon einmal preußisch besetzte Stadt endgültig dem Königreich Preußen zugeschlagen worden. An dessen Südflanke besaß Erfurt hohe strategische Bedeutung für die Militärmacht der Hohenzollern. Dies schlug sich im Ausbau zur Festung I. Ranges bis in die 1830er-Jahre nieder. Gewaltige Bollwerke mit Türmen, Toren und Wassergräben umgaben die Stadt, deren Vorfeld (Rayon) von Bebauung freigehalten wurde. Die Zitadelle Petersberg galt dabei als Herzstück der Festung in „neupreußischer Manier“.
 
1815 begann ein aufwändiger Ausbau, der das Gesicht des Petersberges bis heute prägt. Die 1813 durch Beschuss beschädigten Gebäude des einstigen Petersklosters wurden abgerissen und die Peterskirche zu einer Lagerhalle mit massiver Zwischendecke zurückgebaut. Zugleich entstanden zahlreiche Militärbauten, allen voran die große Defensionskaserne (1831) und die Hauptwache (1823) mit Arrestanstalt (1913). Bis zur Offenlegung der Festung Erfurt nach der Reichsgründung 1871 erneuerte man immer wieder die gewaltigen Wehranlagen samt ihrer Vorwerke, wie dem großen Hornwerk im Bereich des heutigen Bundesarbeitsgerichtes.
 
Der aufwändige Ausbau der Zitadelle Petersberg nach 1815 gipfelte in der Errichtung der großen Defensionskaserne von 1828 bis 1831. Diese diente zunächst einmal, wie schon der Name verrät, als geräumige Truppenunterkunft. Bis 1918 waren hier v.a. die Soldaten des 3. Thüringischen Infanterieregiments Nr. 71 untergebracht, der größten Einheit der preußischen Garnison. Der große Platz vor der Kaserne und Peterskirche diente als Exerzierplatz und war wie der gesamte Militärbereich für die Öffentlichkeit gesperrt. Wo zur Bundesgartenschau 2021 viele Besucher durch eine aufwändig gestaltete Grünanlage flanieren werden, übten also einst Rekruten Gleichschritt und das Gewehr präsentieren.
 
Mit ihrer massiven Bauweise bot die Defensionskaserne zugleich, auch dies deutet der Name an, als „Festung in der Festung“ eine letzte Verteidigungsstellung. Im Falle einer – freilich nie erfolgten – Belagerung und Eroberung der Zitadelle hätte man sich dort verschanzen können. Der Gegner hätte sich dann Raum für Raum im opferreichen Häuserkampf vorarbeiten müssen. Von Norden her schützte das Petersberg-Plateau die Kaserne vor feindlicher Einsicht. Sie besaß ursprünglich ein bombensicheres, mit Erde bedecktes Flachdach, das 1913 durch das heutige Mansardendach ersetzt wurde.
 
Die Defensionskaserne gilt als bedeutendes Denkmal des Festungsbaus, als einer der wenigen erhaltenen Musterbauten des „neupreußischen Befestigungssystems“. Dies wird im mit der BUGA 2021 startenden „Petersberg Entree“ im einstigen Kommandantenhaus gewürdigt. Die seit vielen Jahren leer stehende Kaserne selbst soll während der Bundesgartenschau im teilsanierten Erdgeschoss Gastronomie und Ausstellungen aufnehmen. Nach einer umfassenden Sanierung könnte hier in einigen Jahren ein Thüringer Landesmuseum eröffnen.