Von der Blumenstadt zur BUGA-Stadt: Erfurter Geschichten zur Bundesgartenschau

Der alte Angerbrunnen - Sinnbild der Blumenstadt

Trifft man sich in der Erfurter Innenstadt, dann nicht selten am alten Angerbrunnen.
Braucht es eine Wegerklärung, dann ist er ein guter Ausgangspunkt.
Abkühlung gefällig, bitteschön!

Der alte Angerbrunnen stellt die beiden Grundlagen der modernen Metropole Erfurt im 19. Jahrhundert dar, den Gartenbau und die Industrie.

Von Dr. Steffen Raßloff

Im Vorfeld der Bundesgartenschau 2021 besinnt man sich in Erfurt wieder stärker auf die große Tradition als Blumenstadt. Vor diesem Hintergrund verdient ein Denkmal besondere Aufmerksamkeit, das man vielleicht als solches gar nicht auf den ersten Blick wahr nimmt. Der alte Angerbrunnen am Westende der Flaniermeile im Herzen der Stadt, ein typisches historisierendes Baudenkmal der „Gründerzeit“ nach der Deutschen Reichsgründung 1871, gehört zu den beliebten Treffpunkten der Erfurter. In seiner Symbolik stellt der Brunnen auch eine Verneigung vor dem Erfurter Erwerbsgartenbau des 19. Jahrhunderts dar. Seine international erfolgreichen Unternehmen – Haage, Benary, Schmidt, Heinemann, Chrestensen usw. – haben den Ruf der Blumenstadt wesentlich begründet.
 
Die Errichtung des Brunnens steht im Zusammenhang mit der Entwicklung Erfurts zur modernen Industriegroßstadt nach 1871. 1876 beschlossen Magistrat und Verschönerungsverein, den erfolgreichen Bauabschluss der Zentralwasserleitung öffentlich zu würdigen. 1880 brachte man einen beschränkten Wettbewerb für einen Brunnen auf den Weg. Es folgte ein sage und schreibe zehnjähriger Konzeptions- und Entstehungsprozess. Nach sieben Jahren (!) konnte sich der Berliner Architekt und Kunstgewerbler Heinrich Stöckhardt gegen seine Wettbewerber durchsetzen. Die Auftraggeber votierten schließlich für eine stadtgeschichtlich konkrete Version. Stöckhardt stellte allegorisch die beiden Grundsäulen der Erfurter Wirtschaft dar, die für den Aufschwung zur modernen Metropole Thüringens verantwortlich zeichneten: Für den Gartenbau steht die römische Blumengöttin Flora inmitten von Ähren und Rosen, für Industrie und Handwerk eine männliche Gestalt mit Hammer und Schraubstock.
 
Am 6. September 1890 wurde der Brunnen im Beisein einer „colossalen Menschenmenge“ und der städtischen Honoratioren enthüllt. Oberbürgermeister Gustav Schneider hielt die Festrede und der Lehrergesangsverein intonierte, begleitet von der Kapelle des Artillerie-Regiments Nr. 19, Beethovens „Ehre Gottes“. An den Gesamtkosten von knapp 35.000 Mark beteiligten sich das preußische Staatsministerium, die Stadt und der Verschönerungsverein. Letztlich handelt es sich beim Angerbrunnen um eine Manifestation des großen Selbstbewusstseins der Erfurter Bürgerschaft der Gründerzeit. Anders als bei den zahlreichen Denkmalen für Persönlichkeiten oder Ereignisse steht hier die prosperierende Industrie- und Blumenstadt selbst im Mittelpunkt. Mit der Bundesgartenschau 2021 wird dieser stolzen Geschichte ein weiteres Kapitel hinzugefügt.

Der Alte Angerbrunnen als Fotomotiv
Flora mit Rose 1979
Flora mit Rose 1987
Flora mit Rose 2019
Erfurter Anger mit altem Angerbrunnen 1977
1971
1971
1970
1986
2017
2017

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